Buchkritik: Er ist wieder da

Kurz und knapp vorweggenommen: Eines der Bücher, das so sehr gehyped wird, dass man es unbedingt lesen möchte. Wenn man es tatsächlich liest, kommt die große Enttäuschung.

Heute geht’s um:

20160201_100816Er ist wieder da
Timur Vermes
2012
Bastei
Ebook: 8,49 €
ca. 400 Seiten

PLOT

Nach mysteriösem, jahrzehntelangen Schlaf wacht Adolf Hitler im zeitgenössischen Berlin auf. Nach anfänglicher Verwirrung über das verlotterte deutsche Volk und die Zustände im Reich, die ohne ihn ja völlig außer Kontrolle geraten sind, schwingt er sich durch seine Tirraden zum Talkshow-Comedian auf, der als Politsatiriker missverstanden wird.

KOMMENTAR

Was auf annähernd 400 Seiten als Satire angepriesen wird, muss ja auch Satire sein, oder? Anfänglich waren die überspitzten xenophoben Äußerungen auch noch als Satire unterjubelbar, jedoch muteten mir einige der judenfeindlichen Bemerkungen ab der Hälfte des Buches dann doch eher seltsam an. Wo hört die Satire auf und wo scheint die tatsächliche politische Haltung eines Autors durch? Für mich war keine Grenze mehr erkennbar. Ein weiteres Beispiel: Im Vorwort wird noch darauf hingewiesen, dass Charaktere und Begebenheiten fiktiv seien, jedoch war der fiktive Umgang mit real existierenden Politikern und Politikerinnen meiner Meinung nach derart geschmacklos, dass man auch hier die Motivation des Autors zu derlei Szenen hinterfragen sollte.

Das Erwachen Hitlers im modernen Berlin zwischen Graffiti und verlottertem Bolzplatz („Hitlerjunge Ronaldo“) war anfänglich amüsant, aber blieb für mich leider der Höhepunkt des Buches, denn schon bald ähneln Adolfs Bemerkungen denen eines gewöhnlichen technophoben alten Menschen („Internetz“ ist einmal witzig, aber nicht ein ganzes Buch lang…) und man fühlt sich an das Klischee des peinlichen Nazi-Onkels erinnert, für dessen fremdenfeindliche Ansichten sich eine Familie schämt und den man nicht zu Feiern einlädt.

Bei den letzten 150 Seiten habe ich des Öfteren in Erwägung gezogen, die Lektüre vorzeitig zu beenden, weil ich für mich weder Satire noch (wie zuvor) Aufzeigen von absurden menschlichen Verhaltensweisen erkennbar war. Zunehmend mehr Randfiguren verwenden den Hitlergruß mit entsprechender Geste, ohne dass das eigene Verhalten auch nur ansatzweise kritisch reflektiert wird. Ja, Menschen sind gutgläubige Schafe, aber irgendwo sollte dann doch Schluss sein mit der Übertreibung. Beides ist übrigens illegal, was für mich ein zusätzliches Plotloch dargestellt hat, da man erwarten können sollte, dass irgendwo noch jemand mit gesundem Menschenverstand in Hintergrund ist, der Anzeige erstattet. Aber Fehlanzeige, excuse the pun.

Das Einzige, was mich gewissermaßen bis zum Ende an der Stange gehalten und mich dazu genötigt hat, das Buch tatsächlich zu beenden, war meine Neugier auf die Frage, warum Hitler trotz Selbstmord wieder lebt, doch dies bleibt ungeklärt. Meinetwegen hätte der fiktive Adolf am Ende sang- und klanglos sterben und damit wieder in der Versenkung verschwinden können, dann wäre wenigstens ein erkennbares Ende vorhanden gewesen, zumal eine Charakterentwicklung völlig ausblieb.

Sterne 1

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu „Buchkritik: Er ist wieder da

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s